Nachhaltige Investitionen werden von institutionellen Anlegern weiterhin primär aus einer Risiko-Rendite-Perspektive betrachtet. Entscheidend ist, ob Nachhaltigkeitsfaktoren die langfristige Wertentwicklung, die Widerstandsfähigkeit von Geschäftsmodellen und die Qualität der Kapitalallokation beeinflussen. Eine gewisse Diskrepanz scheint es zwischen Anspruch und Umsetzung zu geben: in einer 2024 durchgeführten Befragung von institutionellen Investoren haben 88% angegeben, ihre Nutzung von ESG-Informationen erhöht zu haben, während 92% der Ansicht waren, dass ESG-bezogene Initiativen die kurzfristige Unternehmensperformance schmälern, und dem auch mehr Gewicht beimassen als langfristigen positiven Effekten. 66% erwarteten demnach auch ESG-Faktoren künftig weniger stark in Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen.1

Dieser «Say-do Gap» verweist auf einen grundlegenden Zielkonflikt: Anleger erkennen die Bedeutung nachhaltigkeitsbezogener Risiken und Chancen, stehen aber gleichzeitig unter dem Druck kurzfristiger Renditeerwartungen und konjunktureller Unsicherheit. 63% der Befragten sahen Veränderungen im Konjunkturzyklus als wichtigsten Einflussfaktor für ihre Anlagestrategie in den kommenden zwei Jahren; 55% massen auch dem Klimawandel einen erheblichen Einfluss bei. Nachhaltigkeit bleibt damit relevant, wird aber verstärkt danach beurteilt, ob sie sich überzeugend mit finanzieller Wesentlichkeit und langfristiger Wertschöpfung verbinden lässt.1

Die «Big Three» unter den Vermögensverwaltern sowie Proxy Advisors sehen ESG als finanziell relevant für die langfristige Wertschöpfung

In ihren Stimmrechtsrichtlinien haben BlackRock, Vanguard und State Street Global Advisors in den letzten Jahren klare Anforderungen in Bezug auf Klimaschutz, den Übergang zu einer Netto-Null-Wirtschaft, Diversität im Verwaltungsrat und in der Belegschaft sowie das Management von Humankapital definiert. Proxy-Berater wie ISS und Glass Lewis haben ebenfalls ähnliche Standards eingeführt. Gleichzeitig lässt man in den 2026 Guidelines mehr Spielraum, sei es was die Verwendung von Reporting-Frameworks anbelangt, oder betreffend Identifikation von wesentlichen ESG-Themen. Diese Differenzierung kommt auch in zusätzlichen thematischen Guidelines zum Ausdruck.2 Im Jahresbrief 2026 von BlackRock-CEO Larry Fink kommt zum Ausdruck: Die langfristige Perspektive steht im Mittelpunkt. In einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit, technologischen Wandels und neu geordneter Handelsbeziehungen werde ein wachsender Anteil der wirtschaftlichen Wertschöpfung über die Kapitalmärkte finanziert. Daraus ergäben sich Chancen für langfristig investierte Anleger. Gleichzeitig wird betont, dass der daraus entstehende Wohlstand bislang vor allem Personen zugutekomme, die bereits Vermögenswerte besitzen. Ein breiterer Zugang zu langfristigem Investieren – etwa über Vorsorgesysteme und modernisierte Kapitalmärkte – könne deshalb nicht nur die finanzielle Sicherheit Einzelner stärken, sondern auch die Finanzierung von Wachstum und Transformation unterstützen.3

Für nachhaltige Investitionen bedeutet dies, dass Themen wie Energieversorgung, Infrastruktur, Klimaanpassung, technologische Transformation und wirtschaftliche Resilienz zunehmend als langfristige Kapitalmarktfragen verstanden werden. Die Motivation liegt damit weniger in einer isolierten ESG-Klassifizierung als in der Frage, welche Unternehmen und Projekte in einem sich verändernden wirtschaftlichen Umfeld dauerhaft Wert schaffen können.

Gleichzeitig bleiben die Qualität und Glaubwürdigkeit der verfügbaren Nachhaltigkeitsinformationen entscheidend. 85% der 2024 befragten Investoren beurteilen Greenwashing als grösseres Problem als noch fünf Jahre zuvor. 80% sahen Verbesserungsbedarf bei Wesentlichkeit und Vergleichbarkeit der Berichterstattung, während 62% die Qualität der Informationen als unzureichend beurteilten.1

Wichtige finanziell relevante Nachhaltigkeitsaspekte

  • Unternehmensgovernance, Geschäftsethik und die Qualität der strategischen Umsetzung
  • Klima-, Natur- und Transitionsrisiken sowie deren Auswirkungen auf Geschäftsmodelle und Vermögenswerte
  • Energieversorgung, Infrastruktur und technologische Transformation
  • Menschenrechte, Arbeitsstandards sowie Resilienz und Verantwortung in der Wertschöpfungskette
  • Qualität, Vergleichbarkeit und Verlässlichkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung
  • Langfristige Kapitalallokation und breiter Zugang zu Investitions- und Vorsorgemöglichkeiten

Quelle: EY, Institutional Investor Survey, Dezember 2024 und Swiss Sustainable Finance (SSF), Swiss Sustainable Investment Market Study 2026.

Teilen
Drucken
PDF