Nachhaltigkeit wird nicht mehr nur als «Nice-to-have» oder als Marketingmassnahme angesehen, sondern ist heute ein integraler Bestandteil von Risiko-Chancen-Abwägungen und Unternehmensstrategien. Anleger wollen wissen, wie Unternehmen langfristig Mehrwert schaffen und wie Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekte (ESG) die Finanzergebnisse eines Unternehmens beeinflussen. Diese Perspektive der «Financial Materiality» ist auch Bestandteil verschiedener Regulierungen und Standards zur Nachhaltigkeitsberichterstattung, darunter die europäische Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und die dazugehörigen European Sustainability Reporting Standards (ESRS).

Seit 2015 verzeichneten nachhaltige Anlagen in der Schweiz ein enormes Wachstum und erreichten bis Ende 2021 ein Volumen von fast 2’000 Milliarden CHF. Die Abnahme auf rund 1’600 Milliarden CHF im Jahr 2022 war hauptsächlich auf die allgemeine Marktentwicklung zurückzuführen. Seitdem hat sich das Volumen fast wieder erholt. Im Jahr 2025 konnte ein Wachstum von 3% gegenüber dem Vorjahr verzeichnet werden, was allerdings unter dem Gesamtwachstum des Finanzmarktes von 7% lag. Gemäss der SSF-Marktstudie von 2026 liegen hier drei Gründe vor:1

  • Sektorallokation: Nachhaltige Portfolios waren typischerweise untergewichtet in besonders stark performenden Verteidigungswerten und gleichzeitig stärker in Immobilien investiert, die zwar stabiler, aber renditeschwächer als die Aktienmärkte waren.

  • Internationale Mittelabflüsse: Nachhaltige Fonds verzeichneten 2025 weltweit erstmals Nettoabflüsse. Da viele in der Schweiz verwaltete Sustainable-Investment-Produkte international vertrieben werden, wirkten sich diese Abflüsse auch auf die Schweizer Volumenentwicklung aus.

  • Marktreife des Segments: Sustainable Investing hat inzwischen rund 50 % des Schweizer Fondsmarktes erreicht. Nach Jahren aussergewöhnlich hohen Wachstums nähert sich der Markt einer Reifephase, in der die Volumenentwicklung tendenziell näher am Gesamtmarkt verläuft.

Entwicklung nachhaltiger Anlagen in der Schweiz1

In Milliarden CHF

Seit die Asset Management Association Switzerland (AMAS) am 26. September 2022 ihre erste Version der „Selbstregulierung zu Transparenz und Offenlegung bei nachhaltigkeitsbezogenen Kollektivvermögen" veröffentlichte, hat sich der Rahmen für die Definition „nachhaltiger" Anlageprodukte in der Schweiz gewandelt. Mit der aktuellen Version 2.2, die im September 2025 in Kraft trat, wurde die Messlatte für Anbieter deutlich höher gelegt: Ein als nachhaltig deklariertes Kollektivvermögen muss künftig für mindestens 70% seiner Vermögenswerte (ohne liquide Mittel und Derivate) ein konkretes Nachhaltigkeitsziel verfolgen – sei es durch Ausrichtung an spezifischen Nachhaltigkeitszielen oder durch einen aktiven Beitrag dazu. Entscheidend: Reine Ausschlusskriterien, ESG-Integration oder Stimmrechtsausübung – ob einzeln oder kombiniert – reichen nicht mehr aus, um ein Produkt als „nachhaltig" zu klassifizieren. Diese strikteren Definitionen führen zu einem vorsichtigeren Ansatz bezüglich Bezeichnung und Kommunikation von «nachhaltigen Investments». Für Investoren ist zentral: für Glaubwürdigkeit und Greenwashing-Prävention braucht es klar dokumentierte, überprüfbare und verständliche Nachhaltigkeitskriterien für ESG-Anlagen in Berichten, Websites und Prospekten.1

Entwicklung der Ansätze zu nachhaltigen Anlagen in der Schweiz1

In % der Nachhaltigkeitsbezogenen AuM CHF (n=73)

Der gängigste Ansatz im Bereich nachhaltige Investments in der Schweiz ist nach wie vor der Ausschluss von Wertschriften aus dem Anlageuniversum, die als nicht nachhaltig gelten, beispielsweise die Tabak- und Waffenindustrie. Die Integration von ESG-Risiken und -Chancen in die Finanzanalyse ist jetzt wieder auf dem zweiten Platz, gefolgt von ESG-Engagement, bei dem Aktionäre versuchen, das Management dazu zu bringen, Nachhaltigkeits-Kriterien stärker zu berücksichtigen, sowie ESG-Voting. Thematisch schwingen klimaorientierte Anlagen weiterhin oben auf, während Impact Investing immer noch eine Nische bleibt, was den von der UNO geschätzten SDG-Finanzierungsgap von jährlich 4 Billionen USD kaum schliessen mag. Impact muss aber nicht auf Kosten von finanzieller Rendite gehen. Eine Umfrage unter Asset Managers und Asset Owners zeigt eine grundsätzliche Erwartungshaltung von mindestens gleich guten Renditen auf risiko-bereinigter Basis wie für konventionelle Investments.1

Erwartete risikobereinigte finanzielle Rendite im Vergleich zur Marktrendite für Vermögensverwalter und Vermögensinhaber1

In % der Befragten (n=32)

Insbesondere Klima-, Natur- und Transformationsrisiken werden in der Regel in ESG-Überlegungen bei Anlageprozessen einbezogen. Als wichtigstes naturbezogenes Finanzrisiko werden am häufigsten extreme Wetterereignisse genannt, gefolgt von Wasserknappheit, während gleichzeitig neue Investitionsmöglichkeiten in Bereichen wie erneuerbare Energien, Ressourceneffizienz, Klimaresilienz und nachhaltige Infrastruktur entstehen. Zudem spielt auch die künstliche Intelligenz eine zunehmend wichtigere Rolle im Investitionsprozess, etwa zur Unterstützung von Screening, Research, Evaluation, Risikoanalysen und ESG-Ratings. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach Datenqualität und Zuverlässigkeit, oder der Integration mit bestehenden Systemen.1

International gesehen, haben sich laut der Global Sustainable Investment Alliance (GSIA) nachhaltige und verantwortungsvolle Anlageansätze von einer Nischenpraxis zu einer systemischen Betrachtungsweise entwickelt. Gleichzeitig prägen geopolitische Spannungen, unterschiedliche regulatorische Entwicklungen und politische Kontroversen rund um ESG zunehmend das Marktumfeld. Während Europa weiterhin auf Transparenz und Nachhaltigkeitsregulierung setzt, gleichzeitig aber mit den Omnibus-Initiativen administrative Belastungen reduzieren und die Wettbewerbsfähigkeit stärken will, stehen ESG-Themen insbesondere in den USA vermehrt im Spannungsfeld politischer Debatten. In zahlreichen asiatisch-pazifischen Märkten gewinnen klimabezogene Offenlegungen und Nachhaltigkeitsberichterstattung hingegen weiter an Bedeutung. Viele Finanzinstitute kommunizieren ihre Nachhaltigkeitsambitionen heute zurückhaltender, ohne dass dies einer grundsätzlichen Abkehr von Nachhaltigkeitsaspekten in Anlageprozessen entspricht. Stattdessen rücken Fragen der wirtschaftlichen Resilienz, der Energie- und Versorgungssicherheit, der Dekarbonisierung sowie der Finanzierung von Infrastruktur und technologischer Transformation stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig gewinnen verlässliche und international vergleichbare Nachhaltigkeitsinformationen weiter an Bedeutung, um Kapital effizient in jene Unternehmen und Projekte zu lenken, die langfristig Wert schaffen und den Übergang zu einer widerstandsfähigeren Wirtschaft unterstützen.2

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